Simple, sober clarity will do nicely,
letting the facts and ideas speak for themselves.
Richard Dawkins: Unweaving the Rainbow


 

Eine Notiz zu den Gefahren des Konzeptes
des sogenannten Intelligenten Designs

© Frank Weinreich, Bochum 01/2006

Was besagt das Konzept des Intelligenten Designs? Und warum ist es als gefährlich zu anzusehen? Diese Notiz beschäftigt sich – als Ergänzung zu dem einführenden Evolutionsartikel auf diesen Seiten – mit dieser aktuellen, meist aggressiv vorgetragenen Umdeutung der wissenschaftlichen Erkenntnisse der Evolutionstheorie.

I

Die Evolutionstheorie, die aus wissenschaftlicher Sicht den nahezu einmaligen Status der sicheren Gewissheit hat, die also genau genommen keine Theorie, sondern Beschreibung des Faktischen ist, sah sich schon immer und sieht sieht sich auch anfangs des 21. Jahrhunderts wieder einmal heftigen Angriffen ausgesetzt. Diese aktuellen Angriffe sind zwar objektiv nicht in der Lage die Aussagen der Evolutionstheorie in Zweifel zu bringen, sie erfreuen sich aber nichtsdestotrotz großer Aufmerksamkeit und sind nicht ohne Überzeugungskraft, da sie erstens zunächst ebenfalls wissenschaftlich, also transparent und mit falsifizierbaren Aussagen, zu argumentieren scheinen und zweitens die Idee des Vorhandenseins von Evolution gar nicht einmal vollständig ablehnen, sondern diese Ablehnung erst in einem weiteren Gedankenschritt einfließen lassen, der in der Konsequenz nicht weniger wissenschaftlichkeits- und aufklärungsfeindlich ist als die einstmals blande Ablehnung der darwinschen Gedanken zu jener Zeit als sie erstmals ausgesprochen wurden: im Jahr 1859, dem Erscheinungsjahr der Origin of Species. Die Rede ist vom sogenannten intelligent design, einem erneuten Überzeugungsversuch des wissenschaftlich zu Recht klar verworfenen Kreationismus.

Unglücklicherweise sieht sich die Biologie in einer anderen Lage als der Rest der Naturwissenschaften. Sie ist meiner Beobachtung nach zu ständiger Rechtfertigung genötigt, was wohl daran liegt, dass anders als die Inhalte von etwa Kern- und Astrophysik, die Biologie sich nicht mit unendlich Fernem im Mikro- oder Makrokosmos, sondern sich mit dem Nächsten, dem Leben, das heißt mit uns selbst als Lebewesen beschäftigt.

Physiker sind nicht gezwungen, sich mit jedem Wünschelrutengänger und Erdstrahlenadepten auseinander zu setzen, Biologen müssen jedoch solchen reinen Glaubensfragen immer wieder gegenübertreten und sie mit der nötigen Geduld und Fairness beantworten. Glücklicherweise bin ich kein Biologe, sondern Philosoph und kann meinem Unverständnis über die Verquickung der Versuche diesseitigen Erkenntnisgewinns und jenseitiger Sinnsuche ungeschminkteren Ausdruck verleihen. Metaphysik und Naturwissenschaften haben methodisch nichts miteinander zu tun und müssen streng auseinander gehalten werden. Das tut der Kreationismus nicht, dieser Maxime folgt auch seine pseudowissenschaftliche Spielart intelligent design nicht! An den Kreationismus und die Pseudotheorie des intelligent design kann man glauben oder nicht. In erkenntnistheoretischer Hinsicht stehen beide aber auf einer Stufe mit der Theorie, dass die Welt vom Fliegenden Spaghettimonster erschaffen wurde.

II

Was besagt die Theorie des intelligent design nun? Die Vertreter des intelligent design behaupten angesichts der Komplexität des Aufbaus und des Funktionierens von Lebewesen, dass sich dieses nicht ohne einen vorgegebenen Bauplan entwickelt haben könne. Die Evolutionstheorie geht im Gegensatz dazu nun gerade davon aus, dass sich das Leben aus protobiotischen Anfängen mittels zunächst rein chemischer Reaktionsprozesse zu immer komplexer werdenden Molekülen entwickelte und danach zu replikationsfähigen Molekülen geführt hat, aus denen dann sukzessive Einzeller und Mehrzeller wurden und dass sich so über einen Zeitraum von insgesamt wenigstens dreieinhalb Milliarden Jahren das Leben in all seiner heutigen Vielfalt entfaltete (vgl. dazu glänzend: De Duve 1994). Leben liegt in einem so hochkomplexen Zusammenspiel verschiedenster Vorgänge vor, dass die Vertreter des intelligent design sagen: Das kann kein Zufallsprozess gewesen sein, jemand muss dies alles so geplant und angelegt haben. Wer wäre dazu fähig? Allein Gott!

Letztlich gehen die Argumente des intelligent design alle auf eine Idee zurück, die erstmals 1802 von dem englischen Theologen William Paley

in seiner Natural Theology ausformuliert wurde. Die Idee lautet, dass ein so elaboriertes Artefakt, wie es beispielsweise eine Taschenuhr darstellt, nicht von alleine, nicht durch Zufall und nicht ohne einen intelligenten und absichtsvollen Uhrmacher entstanden sein kann. Wie muss es dann erst mit Lebewesen und besonders mit dem intelligenten Lebewesen Mensch bestellt sein. Leben übertrifft in seiner Komplexität und Funktionsweise eine Taschenuhr bei weitem. Also, so folgert Paley, kann Leben und besonders der Mensch nicht entstanden sein, ohne dass ein Schöpfer es ins Werk gesetzt hat.

Die Evolutionstheorie (die Paley allerdings noch nicht kennen konnte, da Darwin sie ja erst 1859 veröffentlichte) ist nach der Überzeugung von Paleys Nachfolgern nun ebenfalls nicht in der Lage, die Entstehung des ‚Superuhrwerks‘ Lebewesen zu erklären. Wie sollte sich auch etwas entwickeln können, dessen Funktionsweise erst gegeben ist, wenn es in perfekter Form vorhanden ist: nur das entwickelte Auge kann sehen, nur der voll entwickelte Flügel erlaubt, zu fliegen, nur das menschliche Gehirn (und eine inhärente Seele?) erlauben Mensch sein. Also kann Leben nicht ohne einen Schöpfer entstanden sein, genauso wenig, wie sich Erzstücke in eine Taschenuhr zu entwickeln vermögen.1

Wie weit nun Gott neben der Planung von irdischem2 Leben auch aktiv war und ist; wie alt also die Welt wirklich ist, ob Leben einmalig angestoßen oder sukzessive implantiert bzw. in sechs Tagen installiert wurde und weitere Fragen dieser Art werden von unterschiedlichen Richtungen des Konzeptes vom intelligent design unterschiedlich beantwortet. Gemein ist aber allen die dogmatische Annahme, dass das Leben nicht in einem ungerichteten Prozess von Variation und Selektion entstanden sein könne. Das ist auch entscheidend, denn allein Design bzw. göttlicher Wille rechtfertigt dann die Sonderstellung des Menschen. Ist sein wesentliches Merkmal, sich selbst bewusste Intelligenz, ungerichtet durch Zufallsprozesse entstanden, so wäre das menschliche Gehirn qualitativ nicht anders zu bewerten als die Tarnfarbe des Chamäleons oder die lange, klebrige Zunge eines Ameisenbären – sie wäre ein Werkzeug, das dem Überleben dient, mehr nicht.

Stimmt die Grundannahme des Konzeptes des intelligent design? Wer weiß … Nein, ernsthaft – diese Frage ist nicht beantwortbar. Es kann durchaus sein, dass es die angenommene, besser wohl geglaubte (!), Planung und einen wie auch immer gearteten Schöpfungsakt gab. Es kann aber eben auch sein, dass es beides nicht gab. Was davon zutrifft, ist nicht mit intersubjektiver Gültigkeit entscheidbar. Man kann ein religiöses Konzept – und darum handelt es sich beim intelligent design und nicht um Wissenschaft – nur glauben … oder dies lassen.

Dass der hinter dem intelligent design stehende Kreationismus so attraktiv ist, erklärt sich dadurch, dass er einer von vielen Menschen empfundenen Sinnentleerung entgegen tritt. Die reine Evolutionstheorie lässt keinerlei Raum für metaphysische Spekulationen und besteht aus purem Materialismus bzw. Monismus. Das Universum, die Welt das Leben – das und die Entwicklung dorthin sind für die Evolutionstheorie rein materiell erklärbare Fakten, die keinerlei Transzendentalität benötigen. Die Biologie kommt ohne Gott und Seele aus und das verunsichert viele Menschen, die sich der Seelen- und Gottlosigkeit wissenschaftlicher Erklärungen verschließen. Die wenden sich dann unter Umständen dem Kreationismus bloß aus einem Gefühl der Unsicherheit und des Alleingelassenwerdens heraus zu: „They merely want to draw the line at the assumption of evolutionary materialism, the philosophy that evolution (and its material causes) are not only sufficient for explaining the presence and form of the modern universe, but proof that there is no supernatural intervention“ (Scott 1997, 518; meine Hrvhbg.)

Was aber oftmals verkannt wird ist, dass zwar die Wissenschaft des Transzendenten nicht bedarf, sie es aber auch nicht weg erklären kann. Die Annahme, dass es mehr gibt als bloße Materie, kann von Wissenschaft nicht widerlegt werden und Wissenschaft sollte auch nicht so tun als könnte sie es. Das aber tut sie leider oftmals, oder erweckt zumindest den Anschein, dies zu tun, und bewirkt mit dieser ‚Kompetenzüberschreitung‘ viele unnötige Irritationen und vor allem unnötige Anfeindungen. Etwas mehr Bescheidenheit wäre hier oftmals anzuraten.

Viel wichtiger im Zusammenhang mit der Evolution ist aber, um auf das intelligent design zurück zu kommen, die Frage, ob das Konzept des intelligent design die Evolutionstheorie zu widerlegen oder wenigstens zu modifizieren in der Lage ist. Sie versteht sich schließlich nicht als Alternative, sondern als einzig zutreffende Erklärung. Dazu ist die Antwort eindeutig – die These des intelligent design vermag das nicht zu leisten! Sie kann dabei aber nicht nur nicht beweisen, dass es einen intelligenten Designer, einen Schöpfergott, gibt,3 sie kann vor allem auch nicht nachweisen, dass ihre Grundannahme, dass die Evolution auf Grund der Komplexität des Lebens nur gerichtet und von einem Designer verursacht verlaufen konnte, stimmt. Dazu nämlich müsste sie die biologischen Forschungen widerlegen, die die Evolutionsschritte beweist und mit immer geringeren Lücken erklären kann, wie sich ehemalige und aktuelle Phänotypen entwickeln konnten. Paleys Uhrmacherargument und seine modernen Nachahmungen stimmen in Bezug auf das Leben einfach nicht. Etwas so komplexes wie das Auge erfüllte auch am Beginn seiner Entwicklung schon sinnvolle Zwecke, denn es gestattete die Unterscheidung von hell und dunkel, die gegenüber gar keiner visuellen Empfindung einen Vorteil bietet. Und der erst am Ende seiner Entwicklung den Flug gestattende Flügel hatte ursprünglich Wärmeregulationsfunktionen. Die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns schließlich ist nicht nur klar als Entwicklung von geringster bis zu menschlicher Intelligenz denkbar, sondern auch durch einerseits Vormenschenfunde4 andererseits die Erkenntnisse der Neurophysiologie5 nachweisbar. Dass all dies aber einen Schöpfergott gar nicht ausschließen muss; dass kein Christ, Moslem, Jude sich in seinem Glauben angegriffen fühlen muss – das erkläre ich weiter unten!

Dass das Konzept des intelligent design seine Grundannahme nicht beweisen und die Evolutionstheorie nicht widerlegen kann, will ich an dieser Stelle aber gar nicht explizit ausführen. Das ist andernorts in nahezu unzähligen Schriften6 dargelegt worden, von denen hier nur auf jene verwiesen werden soll, die meiner Meinung nach die Evolution am eindrucksvollsten darstellen und beweisen: Das ist Evolution von Ernst Mayr, des wahrscheinlich wichtigsten Biologen nach Charles Darwin, und Darwins gefährliches Erbe, verfasst von einem Philosophen mit fundiertesten Kenntnissen in der Biologie und Evolutionstheorie, Daniel Dennett7 sowie natürlich nahezu alle Werke der beiden Biologen Richard Dawkins und Stephen Jay Gould, die immer wieder die Evolution erklären und die Lehren des Kreationismus ad absurdum führen. Wichtiger als eine Widerlegung des Kreationismus und der These vom intelligent design ist mir, zu zeigen, welche Gefahren vom Denken in Bahnen des intelligent design ausgehen können.

III

Was macht die Hypothese vom intelligent design gefährlich? Zunächst einmal nichts! Zwar ist das Konzept des intelligent design gar keine Hypothese, denn es handelt sich um nichts weiter als eine Glaubensannahme, aber auch das weist nur auf die Unmöglichkeit hin, sich mit ihr wissenschaftlich auseinander zu setzen, und beinhaltet ebenso wenig eine Gefahr wie die Aussagen der Bergpredigt.8 Gefährlich sind allein die Weiterungen des Konzeptes, eine ganze Reihe seiner Interpretationen sowie die Instrumentalisierung des intelligent design in theologischen, psychologischen, politischen und gesellschaftlichen Fragen – dazu gleich mehr.

Designt?

Denn zunächst möchte ich in aller möglichen Kürze eine neutrale Bewertung der Annahmen des intelligent design bzw. des durch es eigentlich ausgesagten Kreationismus vornehmen. Welt und Universum sind also von einem Schöpfergott zur Existenz gebracht worden, der das Leben auf einem bestimmten Planeten dieses Universums zudem so detailliert vorgesehen hat, dass es voller Absicht zur Existenz der Menschen als selbstbewusster Personen und einer ihre Existenz ermöglichenden Umwelt gekommen ist. Das liegt erstens völlig im Bereich des Möglichen und ist zweitens eine frohe, weil Sinn und Hoffnung spendende Botschaft (für diejenigen, die sie glauben können). Es ist unhaltbar, diesen Glaubenssatz widerlegen zu wollen, wie es beispielsweise Dennett es in einem Spiegel-Interview tut (Dennett 2005). Der in diesem Interview ausgedrückte Atheismus wird von Dennett als objektiv nachweisbare Tatsache hingestellt, womit er einen schweren Kategorienfehler begeht, da sich Glaubenssätze und -spekulationen prinzipiell nicht beweisen9 lassen. Es ist aber auch unnötig diesen Glaubenssatz widerlegen zu wollen. Es besteht an dieser basalen Stelle gar kein Grund, sich auf die unhaltbare Argumentationsweise des intelligent design einzulassen, denn die bloße Annahme eines geschöpften Universums kann man einfach stehen und wirken oder eben nicht wirken lassen. Sie vermag, wie gesagt, wissenschaftliche Erkenntnisse nicht zu widerlegen, über die Bedeutung ihres metaphysischen Inhaltes zu entscheiden, ist aber eine ausschließlich individuelle Angelegenheit.

Problematisch wird es, sobald die Interpretationen der Schöpfung beginnen und zu Verhaltenskatalogen und Pflichtenheften erweitert werden. Womit lässt sich beispielsweise die Arroganz intersubjektiv bindend begründen, aus dem Umstand, dass Gott dem Menschen Intelligenz schenkte (vielleicht am Ende ja eher ein Danaergeschenk an den Rest der Schöpfung), folge, dass Mensch sich den Rest der Schöpfung untertan machen solle? Eine Textsammlung wie die heilige Schrift, deren göttliche Provenienz ebenfalls eine bloße Glaubensannahme ist, kann dies nicht überzeugend darstellen, wenn sie der Tatsache gegenübergestellt wird, dass das Überleben des Menschen in der Schöpfung nur möglich ist, wenn er dem blinden ‚Untertan machen‘ der Erde in Form kurzsichtiger Ausbeutung ein Ende bereitet und es durch eine Einbindung des Menschen in seine ihn nährende Umwelt ersetzt.

Das und vieles mehr aber steht eigentlich hinter dem Kreationismus: Die Schöpfung des Menschen10 durch Gott soll als diejenige Tatsache etabliert werden, aus der sich alle nachfolgenden Interpretationen ableiten lassen. Dann lässt sich plötzlich legitimieren,

– dass der Mensch sich die Welt Untertan macht und entgegen aller wissenschaftlichen Erkenntnis Umweltschutzabkommen wie das Protokoll von Kyoto ablehnt und in der Arktis wie der Antarktis oder bald vielleicht auch in Deinem Garten nach Öl bohrt.

– Oder es lässt sich ’nachweisen‘, dass Homosexualität schon auf Grund der Unmöglichkeit, Nachkommen zeugen zu können, ‚widernatürlich‘ im Sinne von wider die von Gott per Schöpfungsakt befohlene Natur ist.

– Und wenn man dann schon den Bezug auf göttlich intendierte Ordnungen hergestellt hat, ist es ein Leichtes, auch die nachrangige Rolle der Frau gegenüber dem Mann wieder einzuführen (in puncto Herrschaftsdenken hat dies den Vorzug, die Hälfte der Menschheit von der Bürde der Mitbestimmung befreien zu können)

– und die Unterlegenheit nicht christlich erleuchteter Menschen, also die Unterlegenheit aller Anders- und Nichtgläubigen, als Konsequenz der Geschöpftheit der Welt zu begründen. Angesichts der Ungläubigen, die üblicherweise ja gleich in Form ganzer Staaten mit Millionen oder sogar Milliarden Einwohnern anzutreffen sind, hat dies dann den Vorteil, einer ziemlich erheblichen Majorität der Erdbevölkerung die ihnen mangels spirituell korrekter Erleuchtetheit sowieso viel zu schwierige Aufgabe der Selbstverwaltung in allen die Welt als solches betreffenden Angelegenheiten mittels ‚wissenschaftlicher‘ Akkuratesse absprechen zu können (was besonders da wichtig wird, wo Ungläubige über Rohstoffe verfügen, von denen Gott doch verfügte, dass sie Christenmenschen Untertan zu machen seien).

– Oder man kann sich auf den Sündenfall berufen und die dem Kreationismus par seiner Grundannahmen inhärente Wissenschaftsfeindlichkeit durch den Verweis auf das Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen, stärken und so auch nach und nach versuchen, die gesellschaftlichen und politischen Errungenschaften der Aufklärung wieder auf ein dem Fundamentalismus erträgliches Maß zurück zu drängen (zuviel Denken schadet eh der gottgewollten Inbrunst im Gebet).

Und die Bibel sowie vor allem eine Unzahl von Auslegungsschriften der Einen Schrift enthalten eine Vielzahl weiterer Interpretationen und abgeleiteter Verhaltensmaßregeln, die dem höheren Wohl des Menschen, der Menschheit und der Welt dienen.

Für die Betroffenen mag dies in bedauerlichen Einzelfällen vielleicht minder angenehm sein, aber im Sinne des Erhaltes der Schöpfung, zu deren Hüter man(n) ja durch Gott bestellt worden ist, ist es nötig, Entschlossenheit und Führungsvermögen zu beweisen.

IV

Die Annahme des intelligent design, dass Gott die Welt und den Menschen geschaffen hat, widerlegt die Evolutionstheorie nicht, sie kann aber auch selbst durch Wissenschaft nicht widerlegt werden. Die These vom intelligent design ist keine Wissenschaft und kann schon deshalb keine wissenschaftlichen Aussagen machen, von wissenschaftlichen Aussagen aber auch ihrerseits nicht inhaltlich angegriffen werden. Und es gibt auch keinen Grund, diejenigen, die an den Kreationismus glauben wollen, zu verfolgen. Nur ist von ihnen zu verlangen, dass sie als das auftreten, was sie sind: als Gläubige, die allen anderen die freie Entscheidung über ihren Glauben oder Unglauben so belassen müssen wie er auch ihnen belassen wird. Wer auf einer metaphysischen Spekulation segelt, der muss auch Flagge zeigen und dadurch unmissverständlich klar machen, dass er dies und nichts anderes tut. Dass die Evolutionstheorie – wahrscheinlich als erste einer langen weiteren Reihe wissenschaftlicher Erkenntnisse und freiheitlicher gesellschaftlicher und politischer Errungenschaften – vom Kreationismus im pseudowissenschaftlichen Gewand des intelligent design ersetzt wird, ist keinesfalls hinnehmbar und kann weder durch objektive Erkenntnisse noch durch metaphysische Spekulationen legitimiert oder gedeckt werden.


 

1 Das Uhrmacherargument wird eindrucksvoll von Richard Dawkins in dessen Buch The Blind Watchmaker behandelt und widerlegt.

2 Konsequenterweise eigentlich kosmischem Leben, die Hinweise verdichten sich, durch die Spektralanalyse von Abstrahlungen der Himmelskörper anderer Sonnen, schließlich, dass Leben auch außerirdisch vorhanden ist. Aber das wäre natürlich auch ein Schlag ins Gesicht der Kreationisten: andere Erden? Womöglich mit ebenfalls intelligentem Leben? Da wird doch der Herr wohl vor sein!

3 Die Gottesbeweise sind anerkanntermaßen alle gescheitert. Dies ist seit der Veröffentlichung von Kants Kritik der reinen Vernunft im Prinzip unstrittig, die im Dritten bis Siebten Hauptstück des Dritten Abschnitts der Transzendentalen Dialektik alle Arten des Gottesbeweises endgültig widerlegt (KWA IV, 523 – 555). Vgl. hierzu Weinreich 2003 hier auf diesen Seiten.

4 Eine klar verständliche, aber wissenschaftlich präzise Darstellung der Menschwerdung und des Beitrags der Paläoanthropologie zu ihrem Verständnis liefert Gerd-Christian Weniger mit seinem äußerst empfehlenswerten Buch Projekt Menschwerdung.

5 Wie es zu Denken und Bewusstsein kommt, ist bspw. in dem – allerdings sehr anspruchsvollen – Werk Neurophilosophy von Patricia Churchland nachzulesen.

6 Sie finden auch auf meinen Seiten einen knappen, aber grundlegenden Abriss zum Thema Evolution, der weitere Literaturhinweise enthält.

7 Bei Dennett finden sich auch die Literaturhinweise für die Entwicklung von Auge und Flügel (und vielem mehr).

8 Im Gegensatz zu manch anderer Bibelstelle, die immense Gefahren beinhaltet. Aber auch darüber kann man streiten, dessen bin ich mir bewusst. Manche mögen sagen, dass die in der Bergpredigt geforderte Zurückhaltung, und besonders die Feindesliebe, von großer Gefahr sind. Der Gefahren eines wehrlosen Pazifismus bin ich mir indes bewusst und ziele mit der Behauptung von der Gefahrlosigkeit der Bergpredigt allein auf den Kern derselben, auf die Goldene Regel („Und wie ihr wollt, daß euch die Leute tun, so sollt auch ihr ihnen tun“; Lukas 6, 31), die der Predigt insgesamt unterliegt und die konstitutiv für jegliches gelingende Zusammenleben ist; vgl. Weinreich 2005, Kap. 3.

9 So unverständlich ist das natürlich nicht mehr, wenn man die publizistische Tätigkeit Dennetts verfolgt. Dennett ist ein äußerst engagierter Gegner des Kreationismus, den er in seinen derzeitigen Ausprägungen zu Recht als wissenschafts- und aufklärungsfeindlich begreift und als repressiv angreift. Dazu bedient er sich dann auch solcher Methoden wie des effektvollen Atheismus, der bspw. in dem zitierten Interview zum Ausdruck kommt. Dass er damit einen Kategorienfehler begeht, wird dieser erfahrene Philosoph sicherlich wissen und es um der Wirkung seiner Aussagen willen in Kauf nehmen. Philosophisch haltbarer oder wissenschaftlich entschuldbar wird das Ganze dadurch aber nicht. Wie oben schon einmal gesagt, wäre etwas mehr Bescheidenheit in den Äußerungen von bestimmten Vertretern der Wissenschaft gar nicht schlecht.

10 Letztlich ist nämlich die Schöpfung der Welt und des Universums für den Kreationismus nicht wichtig, es kommt allein auf den (christlichen) Menschen und seine angeblich Sonderstellung an.

 

Literatur:

Churchland, Patricia S. (1989): Neurophilosophy. Towards a Unified Science of the Mind/ Brain. Cambridge (Mass.): MIT Press.

Dawkins, Richard (1996): The Blind Watchmaker. Why the Evidence of Evolution Reveals a Universe Without Design. London: Norton & Company.

De Duve, Christian (1994): Ursprung des Lebens. Präbiotische Evolution und die Entstehung der Zelle. Heidelberg, Berlin: Spektrum Verlag.

Dennett, Daniel (2002): Darwins gefährliches Erbe. Hamburg: Hoffmann und Campe.

Dennett, Daniel (Interview) (2005): Süßigkeit für den Geist. In: Der Spiegel 52/2005. 148 – 150.

Kant, Immanuel (1968ff.): Werkausgabe in 12 Bänden. Hrsg. v. W. Weischedel. Frankfurt/M.: Suhrkamp. KWA

Mayr, Ernst (2004): Das ist Evolution. München: Heyne.

Paley, William (1802): Natural Theology. London: Faulder [Nachdruck Westmead u.a.: Gregg 1970]

Scott, Eugenie C. (1997): Creationism, Ideology, and Science. In: P.R. Gross/ N. Levitt (Hrsg.): The Flight From Science and Reason. New York: New York Academy of Sciences. 505 – 522.

Weinreich, Frank (2003): Gottes Dasein. Bochum WWW-Dokument [URL: http://www.polyoinos.de/philstuff/godproof.htm.

ders. (2005): Anspruchsvolle Schlüsse. Zur Reichweite von Ethik in Anwendungsfragen der neuen Biotechnologien. Frankfurt/M. Peter Lang.

Ders. (2005a): Die Evolution. Bochum WWW-Dokument [URL: http://www.polyoinos.de/philstuff/evolution.html.]

Weniger, Gerd-Christian (2001) Projekt Menschwerdung. Streifzüge durch die Entwicklungsgeschichte des Menschen. Heidleberg, Berlin: Spektrum Verlag.