Die Evolution

© Frank Weinreich 08/05

Woher kam das Leben und wie wurde es zu dem vielfältigen Biokosmos, der uns heute (noch) umgibt? Diese Frage kann auf mannigfaltige Weise beantwortet werden. Nach allgemeinem wissenschaftlichen Wissen gibt es aber nur eine Erklärung, die – ohne Rückgriff auf metaphysische Spekulationen – intersubjektiv gültige und empirisch begründete Aussagen zu treffen imstande ist: die Evolutionstheorie in der Nachfolge Charles Darwins.

Der folgende Aufsatz versucht, das wissenschaftliche Prinzip der Evolution so knapp wie möglich zu erklären, um aufzuzeigen, was man über die Entstehung des Lebens weiß und auch um aufzuzeigen, was man darüber überhaupt prinzipiell wissen (‚wissen‘ im Gegensatz zum ‚glauben‘) kann.

Neben einer Erklärung des Evolutionsgedankens dient dieser Artikel auch als eine Grundlage für die auf diesen Seiten angestellten Überlegungen zur Bioethik und stellt insofern auch eine Ergänzung zu meinem Ethikbuch „Anspruchsvolle Schlüsse“ dar, die aus Platzgründen keinen Eingang in dieses Werk fand (Weinreich 2005).

I. Nichtteleologische Entwicklungen

Die Entstehung des Lebens innerhalb der Geosphäre verdankt sich einer Kombination bestimmter astronomischer Parameter (Größe der Erde, der Sonne, des Mondes, Entfernung dieser und der anderen Himmelskörper des Sonnensystems zueinander usw.) und der in unserem Universum herrschenden Naturgesetze, die nur geringste Schwankungen in ihrem Zusammenspiel erlauben, ohne dass das uns bekannte Leben zu Grunde ginge beziehungsweise gar nicht erst entstanden wäre, da es unabdingbar auf eben die Kombination von Schwerkraft, Strahlung und Geochemie angewiesen ist, die auf der Erde zusammentraf. Der Spielraum ist so eng, dass der Gedanke nahe liegt, dies müsse von einer bewussten Schöpferkraft so arrangiert worden sein: Dies vermutet etwa auch heute noch George Ellis als einer der bekanntesten Vertreter des starken anthropischen Prinzips, welches besagt, dass der „Zweck des Universums“ die Hervorbringung des Menschen bzw. vernünftigen Lebens ist. (Ellis 1993, zit. n. Genz 1996, 310). Auf diesen Gedanken stützen sich die physiko-theologischen Gottesbeweise, die ursprünglich noch in Unkenntnis der wirklichen Komplexität der Naturgesetze und des Kosmos formuliert wurden. Es scheint also auf den ersten Blick plausibel, dass die Argumentation, die hochkomplexe Art der Ordnung des Universums beweise die Existenz eines göttlichen Designers, im Lichte der modernen Naturwissenschaften noch näher rücken könnte – und wie Ellis‘ erst 1993 erschienenes Buch zeigt, werden metaphysische Spekulationen dieser Art auch weiterhin angestellt. Allerdings kann diese Art des Gottesbeweises spätestens seit Kant auch als widerlegt angesehen werden: „So ist überall kein genugtuender Beweis aus bloß spekulativer Vernunft für das Dasein eines Wesens möglich“ (KWA IV, B648-B658, Zitat 648).

Allerdings haben gerade die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse des zwanzigsten Jahrhunderts gezeigt, dass die Entstehung des Universums, des Sonnensystems und unserer Erde einen, anhand der bekannten Naturgesetze abbildbaren und durch wissenschaftliche Beobachtung und Experimente in großen Teilen überprüfbaren Prozess darstellen, der die Komplexität von Leben und Kosmos ganz ohne transzendentale Einflüsse schlüssig zu erklären vermag, obwohl einzelne Bausteine auf dem Entwicklungsweg und einige makro- wie mikrokosmische Phänomene (noch) nicht erklärbar sind.1 Die Naturwissenschaften vermögen keine zuverlässigen Aussagen über die Zeit vor der Entstehung des Universums zu formulieren, die über bloße Spekulation hinausgehen. Damit verbleiben Metaphysik und insbesondere der Theologie reichlich Raum für ihre Modelle. Doch bei Spekulation muss es mit Kant gesprochen bleiben, solange wir die „Herrlichkeit“ des „Weltregierers […] nur mutmaßen, nicht erblicken oder klar beweisen“ können (KWA VII, 282) und dies scheint prinzipiell unmöglich zu sein. Aber innerhalb des Zeitrahmens von der Entstehung durch einen explosionsartigen Anfang (Urknall oder „Big Bang“) bis zur Entwicklung personalen Lebens ist die Erklärungskette schlüssig und kommt ohne transzendentale Elemente aus: Das Sein des Kosmos ist möglich „ohne Gott und Geist“ (Dennett 1996b, 30).

Auch für die im starken anthropischen Prinzip enthaltene Annahme einer teleologischen Entwicklung gibt es keine empirischen Belege. Die physikalischen und chemischen Grundlagen waren mit der Entstehung des Kosmos in Form der Naturgesetze gegeben. Entwicklung fand nur im Bereich der Organisation von Materie statt und hier ist das Organische von besonderem Interesse.

Das Leben auf der Erde entstand aus dem Anorganischen – mit annehmbarer Sicherheit können wir Aussagen über Lebensprozesse nur von unserer Erde machen – und differenzierte sich zu immer größerer Komplexität. Diese (‘Fort-‘)Entwicklung des Lebens bis zum Erwachen des selbstreflexiven Bewusstseins ist aber gänzlich durch Variation und kumulierende Selektion,2 die aus der durch Gen-Transfer, sexuelle Rekombinationen, Mutationen usw. zur Verfügung gestellten Variabilität ‚auswählt‘,3 zu erklären: Variation ist „blind“ und die natürliche Selektion erscheint „nicht zufällig oder ursachelos; sie [ist] jedoch nicht auf bestimmte Merkmale oder Anpassungen ausgerichtet“ (Vollmer 1995c, 97). Diese Erkenntnis ist so neu nicht. Aus erkenntnistheoretischer Sicht wusste schon Kant in §75 der Kritik der Urteilskraft zu bestimmen, dass teleologische Postulate nur innerhalb eines metaphysischen Erklärungsrahmens angestellt werden können (KWA X, 349ff.). Die empirisch fundierte Erklärung folgt dieser Einsicht in der Anwendung des deduktiv-nomologischen Modells, das durch die großen Physiker des 17. Jahrhunderts begründet wurde und seitdem das wesentlichste Element naturwissenschaftlicher Begründungsmodelle in der Wissenschaftstheorie ist.

Mit der Erklärung von Ereignissen aus ihren Antezedensbedingungen und universellen Naturgesetzen waren von den – bis dato weitgehend anerkannten – bei Aristoteles unterschiedenen vier Ursachen (Physik, 194a16-26) aller möglichen Erklärung des Seins von Dingen und ihrer Veränderung allein die „Wirkursache“ übriggeblieben. Die Ablehnung aristotelischer „Finalursachen“ wird in Spinozas Ethik auf den Punkt gebracht: „Jedes Einzelne oder jedes Ding, das endlich ist und eine bestimmte Existenz hat, kann nur existieren und zum Wirken bestimmt werden, wenn eine andere Ursache es zum Existieren und Wirken bestimmt hat […] und so weiter ins Unendliche“ (SpW} II, Teil I, prop. 28). „In der Natur ist nichts Zufälliges, sondern alles ist kraft der Notwendigkeit der göttlichen Natur bestimmt, auf gewisse Weise zu existieren und zu wirken“ (SpW II, Teil I, prop. 29). Ersetzt man in Lehrsatz 29 die „göttliche Natur“ durch „Ursache“ hat man die Essenz des deduktiv-nomologischen Erklärungsansatzes erfasst und gerät in große Schwierigkeiten, teleologische Postulate zu begründen. Für die Biologie wurde von Mayr (1974) der Begriff der Teleonomie eingeführt, um die Selbstorganisationsprozesse des Lebens als rein kausal und unter Absehung jeglicher teleologischer Erklärungsversuche zu beschreiben.

Dass die genannten Erkenntnisse umstritten waren (und es manchmal immer noch zu sein scheinen) erklärt sich damit, dass es für viele Menschen offensichtlich eine psychologisch gründende Schwierigkeit darstellte, sich die Geschichte von Welt und Kosmos als nicht auf das Endziel der Hervorbringung von Intelligenz (also von uns Menschen) vorstellen zu können. Thomas Kuhn schreibt beispielsweise, dass die größte Schwierigkeit, Darwins Evolutionstheorie anzuerkennen, darin bestand, dass sie jegliche Zielgerichtetheit ausschloss.4

Der Philosoph Daniel Dennett prägte im Zusammenhang der Teleologiediskussion in den Naturwissenschaften das illustrative Bild von Kränen und Lufthaken („cranes and skyhooks“), die bemüht werden, um das wissenschaftliche Weltbild zu erklären (Dennett 1996a, 73-80). Empirische Erkenntnis baut sich aus Annahmen und Beweisen für diese Annahmen auf – natürlich immer vorläufig bleibend, da ständig ‚bedroht‘ vom Falsifikationsprinzip.

Die nach wissenschaftlichen Prinzipien gesicherten Annahmen sind die Bausteine, aus denen das Gebäude der naturwissenschaftlichen Erkenntnis errichtet wird. Gebäude werden aufgerichtet, indem der Maurer auf der verlässlichen Grundlage eines Gerüsts oder dem Boden stehend, Stein um Stein aufschichtet. Bei größeren Gebäuden werden die Bausteine unter Zuhilfenahme von Kränen aufeinander geschichtet, aber auch diese Kräne stehen auf dem Boden und selbst wenn Kräne benötigt werden, um andere Kräne zusammenzubauen, so bleibt die gesicherte Grundlage erhalten, von der alles ausgeht (Dennet 1996a, 75). Kräne sind aber teuer (75). Viel einfacher und billiger wäre es, wenn man Haken in der Luft befestigen könnte, an denen man die Bausteine hochziehen könnte, um sie aufeinander zu schichten. Lufthaken werden sogar vergleichsweise immer billiger, je höher das Gebäude ist, während die Kräne zugleich immer teurer werden. Das einzige Problem ist, dass es keine Lufthaken geben kann.

Die Kräne und Haken in Dennetts Bild sind die wissenschaftlichen Theorien, die dazu dienen, die Erkenntnisbausteine zusammenzufügen. In den Erfahrungswissenschaften bedarf es einer ebenfalls in der Empirie verwurzelten Theorie, die, wie oben vorausgeschickt, falsifizierbar sein muss, was metaphysische Annahmen nicht sind. Die Zuhilfenahme transzendentaler Erklärungen trägt nach den anerkannten Kriterien der Erfahrungswissenschaften nichts zur weiteren Erkenntnis empirischer Sachverhalte bei, da der Zusammenhang zwischen Empirie und Metaphysik spekulativ bleibt.

II. Evolution

Das Leben auf unserer Erde lässt sich heute experimentell bis zu seinen Anfängen nachvollziehen (vgl. De Duve 1997, 47ff. u. 1994, bes. Teil II). Die Phänotypen von Organismen und deren Entwicklung lassen sich ab etwa 3,5 Mrd. Jahren vor unserer Zeit in zunächst sehr lückenhafter, dann aber immer dichter werdender Folge nachweisen. Alles Leben lässt sich reduktionistisch5 „streng nach den Gesetzen von Physik und Chemie erklären“ (1997, 39) und es entsprang nachweisbar aus einer einzigen Urform (25), deren kohlenstoffbasierte Eiweißformationen den Grundstock aller bekannten Organisation von Lebewesen darstellt. Diese seit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts zuerst angenommene6 und später von Charles Darwin ausformulierte Annahme (OS, 442) kann als heute von der Biochemie bewiesen gelten: Über wahrscheinlich katalytisch vermittelte Proteinsynthesen der reichlich in der Umwelt verfügbaren Aminosäuren kam es zur Synthese von Ribonucleinsäuren (De Duve 1994, Kap. 6 u. 7; 1997, Kap. 2) und damit zum ersten Auftreten von „Replikatoren“ (Dawkins 1996, 40) als einer Vorform der Organismen vor knapp 4 Milliarden Jahren.

Damit war derjenige Schritt zur Weitergabe von genetischer Information getan, an dem die Kräne der Evolution ansetzen konnten. Wobei zu vermuten ist, dass die Evolution schon präbiotisch, also vor Ausbildung erster Replikatoren, an Selbstorganisationsprozessen in der supramolekularen Chemie ansetzte (vgl. Mainzer 1996, 75). Die Funktionsweise des Lebens wird dabei auch durch Funde heute lebender primitivster Organismen immer detaillierter aufgeklärt. Ein Beispiel da für ist die in jüngerer Zeit erfolgte Entdeckung einer neuen Ordnung in der Tierwelt: die der Nanoarchaeota in Form der Spezies Nanoarchaeum equitans (Huber et al 2002). Der Mangel an fossilierten Urformen fällt angesichts dieser Entdeckungen immer weniger ins Gewicht.

Evolution ist der Mechanismus, der für die faktische Artenvielfalt der Geosphäre verantwortlich ist, die aus einem bescheidenen gemeinsamen Anfang des Lebens entsprang. Die Wirkungsweise der Evolution wurde im 19. Jahrhundert erstmals schlüssig erkannt und beschrieben von Charles Darwin, beruhend auf den Erfahrungen vor allem der Zeit, als er mit der HMS Beagle Südamerika und die Galapagosinseln besuchte, und Alfred Russell Wallace7. Die Evolution wirkt durch Variation und Selektion: Auf molekularer Ebene geschehen zufällige Veränderungen im Genom, aus deren umfangreicher Grundgesamtheit8 in einem nichtzufälligen, kumulativen Prozess die wenigen für das Überleben geeigneten Veränderungen weitervererbt werden. So kommt es zu der erstaunlichen Angepasstheit des Lebens, die der antike Mythos in Platons Protagoras so schön als eine durch des Epimetheus Gerechtigkeitssinn bestimmte Verteilung der Eigenschaften, die das Überleben einer jeden Art garantiert, umschreibt (320d-322a).9

Für den so genannten Darwinismus bzw. Neodarwinismus gibt es nach mehrheitlicher Auffassung neben der genetischen Variation keinen weiteren entscheidenden Faktor, an dem die Selektion ansetzen könnte. Diese Sichtweise ist jedoch nicht völlig unstrittig. So bemüht sich etwa der Biologe Brian Goodwin seit längerem um eine Ablösung der „genzentrierten Biologie“ durch einen „organismenzentrierten“ Ansatz, da der molekularbiologische Reduktionismus seiner Ansicht nach die Entwicklung und Existenz von Organismen als selbstorganisierende Systeme nicht gänzlich zu erklären vermag (Goodwin 1982 u. 1994; hier 1994, 3). Ganz ähnlich argumentiert der Biologe Steven Rose (2000). Peter Janich und Michael Weingarten betonen die Unentschiedenheit mathematischer und naturalistischer (aus Züchtungssicht entwickelter) Populationsgenetik und deren verschiedene Erklärungsmuster der Evolution (Janich/ Weingarten 1999, 190-195, 257). Alle Erklärungsmodelle des evolutionären Geschehens teilen jedoch die entscheidenden der Phylogenese unterliegenden Erklärungsmuster von Veränderungs- und daran ansetzenden Auswahlprozessen. Die Selektionstheorie kann als sichere Erkenntnis gelten; sie ist in den Worten von Rose „eines der wenigen spezifisch biologischen Gesetze [und] rangiert neben den großen Universalien der Physik“ (2000, 199).

Das entscheidende Merkmal des ‚Auswahlprozesses‘ der natürlichen Selektion ist, dass es sich eben nicht um eine Auswahl handelt, sondern um einen algorithmisch ablaufenden Trial-and-Error-Prozess, bei dem es weder eine aktiv anstoßende Institution gibt – stattdessen nur die zufällige Variation auf der genetischen Ebene – noch eine bewusst auswählende Instanz, die über die Eignung der Variation befindet – stattdessen nur ein ergebnisoffenes Ausprobieren anhand der Frage »Passt sich diese Variation der inner- und extragenomischen Umwelt funktional verbessernd, neutral oder hindernd ein?«. Insbesondere die Rolle des Zufalls in Darwins Theorie zeigt die Ablehnung eines Auswahlgedankens auf das Deutlichste: „Die entscheidende Rolle, die Darwin dem Begriff Zufall zuteilt, besteht darin, jedem zielgerichteten Erklärungsfaktor eine Absage zu erteilen“ (Hösle/ Illies 1999, 88).10 Die Entdeckung der Prinzipien der Evolution, die Charles Darwin geschuldet ist, auch wenn er sie weder voraussetzungslos entdeckte noch ihre Reichweite ganz verstanden hat (vgl. dazu Dennett 1996, 33), war eine der für das Selbstverständnis des Menschen folgenreichsten Ideen, da sie ihn und auch sein konstituierendes Merkmal, den menschlichen Geist, als ‚bloßes‘ Evolutionsprodukt (De Duve 1997, 375), zu einem Zufallsprodukt zu degradieren schien.

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III. Das Evolutionskonzept als wissenschaftliche Theorie

Die Faktizität der Evolution ist innerhalb der Wissenschaften unbestritten (vgl. dazu als wohl beste Einführung in die Evolutionstheorie Mayr 2005). Auch wenn es sich beim Homo sapiens und seiner Selbstbewusstheit gerade nicht um ein Zufallsprodukt, sondern um ein Produkt der Entwicklung kumulativer Adaptionen an die Erfordernisse des (Über-)Lebens handelt, so fehlt der Entwicklung doch jegliche Zweckausrichtung, die über das reine Testen von Variationen des Genoms im Hinblick auf die Möglichkeit einer Steigerung der Überlebensfähigkeit hinausgeht. Hinter der Evolution steckt kein von wem oder was auch immer angestrebtes telos und das so gerne gezeichnete Bild vom Fortschritt in der Evolution ist eine „Illusion“11.

Darwins „gefährliche Idee“12 des Ursprungs der Arten aus natürlicher Selektion besteht darin, dass sie einen möglichen Sinn des Lebens, der auf einem transzendentalen Ursprung und Ziel aufbaut, aus dem Reich der Empirie in das der Spekulation und des Glaubens verwiesen hat. Dies scheint in Moderne und Postmoderne kein so entscheidender Schritt zu sein, da nun Allgemeingut ist, dass metaphysische Annahmen prinzipiell nicht in der Erfahrung verwurzelt werden können. Breitenwirksame Spekulationen wie einige mehr oder weniger fundamentalistische Glaubensrichtungen versuchen jedoch zusätzliche Überzeugungskraft aus empirischen Sachverhalten zu gewinnen, die die geglaubten Dogmen anscheinend unterstützen. Der Versuch des Rückgriffs auf empirische Sachverhalte zur Stützung des Glaubens wird beispielsweise unter anderem durch die nicht streng ontologischen13 Gottesbeweisversuche belegt. Auch wenn aber die Evolutionstheorie heute allgemeiner Bestand des menschlichen Wissens ist, so kann die Entdeckung14 ihrer Prinzipien durch Darwin in ihrer Bedeutung kaum überschätzt werden. Dabei heben beispielsweise Ernst Mayr sowie Vittorio Hösle und Christian Illies nicht nur die Bedeutung des Biologen Darwin hervor, sondern zeigen auch, welchen Einfluss er auf das wissenschaftliche Weltbild und die Philosophie hatte (vgl. Mayr 1993; 2000, 76 u. 235-253; Hösle/Illies 1999, Kap. 2.6).

Die Angriffe auf die Evolutionstheorie bestehen teilweise aus bloßer Spekulation – manchmal handelt es sich sogar um gänzlich argumentationsfreie Polemiken, etwa jüngst bei Ralf Isau, der in seiner Kreationismusapologie völlig darauf verzichtet, inhaltlich zu argumentieren (Isau 2005), die beispielsweise an einem physiko-theologischen Gedanken festhaltend, schlicht behauptet, dass die beobachtbare Komplexität des Lebens aus bloßer Evolution nicht möglich sei. Andere Angriffe basieren auf empirischen Beobachtungen und versuchen, dem Evolutionsgedanken Beispiele entgegenzustellen, die dieser mit seinen Voraussetzungen nicht erklären kann. So wurde beispielsweise argumentiert, dass die Zeit seit den Anfängen des Lebens auf der Erde nicht ausgereicht haben könne, um die existierende Vielfalt hervorzubringen. Doch heute ist durch populationsgenetische Berechnungen erwiesen, dass die Evolution durchaus die Verursacherin der anzutreffenden Mannigfaltigkeit innerhalb der gegebenen Zeitspanne sein kann.15 Andere Einwände richten sich auf bestimmte Merkmale von Lebewesen, für die nicht einzusehen sein soll, wie sie sich schrittweise entwickelt haben könnten. Fünfzig Jahre vor der Erstveröffentlichung von Darwins Origins of Species 1859 drückte der anglikanische Theologe William Paley seine Überzeugung der „evidence of the existence of the Deity from the appearances of nature“ dadurch aus, dass er insistierte, wenn man plötzlich auf dem Boden eine Uhr fände, man zwangsläufig davon ausgehen müsse, dass es auch einen Uhrmacher gäbe.16 Paley begründete mit dieser Argumentation eine Tradition der Evolutionskritik, sich bis heute durchzieht und gerade am beginn des 21. Jahrhunderts unter dem begriff des intelligent design eine besondere Renaissance erfährt. eine renaissance und Beachtung, die es verdient, dass ich auf diese pseudowissenschaftliche These in einem gesonderten Artikel eingehe, der hier zu finden ist.

Beispiele für ‚Uhren‘ Paleys sind Augen oder Flügel, die nach Meinung der Kritiker Darwins nur instantan erschienen sein konnten, da Vorformen und Zwischenschritte nicht funktional gewesen wären und somit keinen Selektionsvorteil geboten hätten sind etwa das Auge und der Flügel: nur das entwickelte Auge kann sehen, nur der entwickelte Flügel erlaubt den Flug. Dass Augen sich durchaus aus Ansammlungen photosensitiver Zellen entwickelt haben können und dass diese auch in ihren Frühstadien einen Überlebensvorteil darstellen, da sie, wenn auch nur sehr ungenau, eben doch ‚sehen‘ können, lässt sich an verschiedenen Tierarten nachweisen, die über unterschiedlich entwickelte Frühformen von Augen bis hin zu den höchstenwickelten Ausprägungen verfügen (Dawkins 2001, Kap. 5). Die Entwicklung von Flügeln aus einem als Mittel zur Temperaturregulation dienenden Federkleid bei einigen Dinosaurierarten (anfangs waren Federn eine Konkurrenzentwicklung zum Pelz und noch bei weitem nicht Mittel zum Zwecke des Fluges) – den Vorfahren der Vögel – lässt sich anhand von Fossilien belegen. Im Fall der Insekten gibt es überzeugende Hinweise, dass die Flügel aus Sonnensegeln entstanden, die der Wärmeregulation dienten (Kap. 4). Sowohl für Flügel als auch für Augen gilt zudem wie für die meisten Merkmale heutiger Lebewesen, dass sie sich mehrfach entwickelt haben. Von den Sehorganen sind in verschiedenen Ordnungen beispielsweise mindestens 40 konvergente Entwicklungen bekannt (160, Gehring/ Ikeo 1999, 37117). Das Phänomen der konvergenten Evolution kann selbst als ein „Beleg“ für das Wirken der Evolution angesehen werden (Dawkins 2001, 136).

Die Evolution kommt nach den Erkenntnissen der Erfahrungswissenschaften ebenso ohne einen Schöpfer aus wie die Entwicklung des Kosmos. Das ist natürlich kein Beweis gegen die Existenz einer schöpferischen Kraft, da die Aufklärung von empirischen Ursachenketten, egal wie erfolgreich sie auch sein mag, ad infinitum geht und in keinem Fall etwas über die Existenz oder Nichtexistenz der Erstursache aussagen kann. Diese Annahme bleibt jedoch Spekulation und greift wiederum über die Erklärungsmöglichkeiten der Naturwissenschaften prinzipiell hinaus. Was man – spekulativ! – beispielsweise annehmen kann, ist, dass, sollte es einen göttlichen Uhrmacher geben, dieser nicht unbedingt blind zu nennen sein müsste, wie Dawkins plakativ und (es ist schließlich ein Buchtitel) sicher auch werbewirksam bemerkt (1996b). Er müsste sich auch nicht, wie Jonas annimmt, selbst entäußert haben, um das Universum zur Existenz zu bringen (Jonas 1987, 45). Aber er hätte sich, nach allem was empirisch aufzeigbar ist, anscheinend entschlossen, einen Bereich zu schaffen, in dem er keine Macht hat (vgl. Peacock 1996, 181) und durch diesen Akt Freiheit ermöglicht. Dieser Eindruck wird durch die nicht vorhersagbare Organisation von Materie, durch materielle Selbstorganisationsprozesse und die nichtlineare Dynamik ihrer Interaktion im Allgemeinen sowie der nach den gleichen Prinzipien ablaufenden Entwicklung des Lebens im Besonderen nahegelegt (vgl. Reiber 1998).18 Dass natürlich ein allmächtiger Schöpfer die Welt und das Universum, so wie sie sind, vor sechstausend Jahren – oder gestern – geschaffen haben könnte, um den Glauben der Menschen an die offenbarte Wahrheit in Versuchung zu führen, ist damit nicht ausgeschlossen. Diese Position eignet sich jedoch nicht für eine wissenschaftliche Zugangsweise.

Es gibt heute nur wenigen Zweifel daran,19 dass die Annahmen der Evolutionstheorie zutreffend sind, so dass für die vorliegende Untersuchung davon ausgegangen wird, dass Leben sich auf diese Weise entwickelte und weiterhin entwickelt und dass die Entwicklung des Lebens ohne einen Schöpfer auskommen kann.

Diese Annahme ist für die aktuelle Diskussion der Möglichkeiten der neuen Biotechnologien (Weinreich 2005) an den Stellen wichtig, wo ethisch motivierte Aussagen sich auf transzendentale Begründungen des Lebens, auf Spekulationen über seine Heiligkeit oder auf Postulat und Interpretation eines göttlichen Willens zu stützen versuchen.

Metaphysisch und religiös gründende Annahmen entbehren des Beweises und können deshalb unter Annahme eines plural ausgeprägten Weltbildes nur bedingte Gültigkeit in Anspruch nehmen, ohne dass damit deren Wahrheitsgehalt per se angezweifelt werden soll. Es ist meines Erachtens legitim, im Zusammenhang mit dem Leben Vokabeln wie ‚Wert‘ und ‚Würde‘, gerne auch ‚Absolutheit‘, ‚Unbedingtheit‘ oder sogar ‚Heiligkeit‘ zu gebrauchen. Es ist auch notwendig, dergestaltige Wertaussagen und -zuweisungen zu formulieren, da sie ethikkonstituierende Elemente sein können. Nur muss, wer dies tut, seine Voraussetzungen erklären. Der Erklärungsanspruch wird noch einmal verstärkt, wenn derartige Prinzipien verbindlich werden sollen – und was wäre der Sinn der Zuschreibung von Heiligkeit, wenn diese nicht auch gleichzeitig verpflichtete? Aus dem So-Sein des Kosmos, soweit er den Möglichkeiten intersubjektiv gültiger menschlicher Erfahrung zugänglich ist, erschließen sich solche Zuschreibungen aber nicht.


 

1 Verständliche einführende Überblicke über die frühe Geschichte des Universums, unseres Sonnensystems, der Erde und den Beginn des Lebens bieten bspw. De Duve 1994 u. 1997, Kap. 1-4, und Asimovindex{Asimov, I.} 1990. In beiden Publikationen de Duvesindex{De Duve, Chr.} ist thematisch geordnet umfängliche weiterführende Literatur angegeben.% }

2 Dawkins: „The most important ingredient is cumulative selection“ (1996b, 49)

3 Natürlich ‚wählt‘ Selektion nicht ‚aus‘, ebensowenig wie es egoistische Gene (Dawkins 1996) geben kann, da ein Gen als DNA-Abschnitt keinen Willen oder Antrieb hat und deshalb auch nicht eigensüchtig sein kann; es handelt sich um ein „Sprachspiel“ (Wuketits 1990, 58) zur Veranschaulichung einer bestimmten Vorstellung des genetischen Einflusses auf das Verhalten von Organismen. Der Gebrauch von Metaphern in wissenschaftlichen Zusammenhängen ist nicht ohne eine gewisse Gefahr des Missverstandenwerdens möglich, kann aber nötig werden, um bestimmte Blickwinkel hervorzuheben (vgl. Dawkins 1996, Vorwort zur 2. Auflage). Wie weit Missverständnisse reichen können, hat gerade der Biotheoretiker Richard Dawkins immer wieder erfahren müssen, der äußerst metaphernreich zu schreiben pflegt und dafür regelmäßig kritisiert wird, weil besonders seine Anthropomorphismen unbelebten und unbewussten natürlichen Sachverhalten eine Intentionalität beizulegen scheinen, die sie unmöglich aufweisen können. Der Gebrauch von Metaphern kann jedoch andererseits erhellend sein, indem Sachverhalte auch in epistemologischen Zusammenhängen durch den „uneigentlichen“ Sprachgebrauch von „Bildlichkeit“ deutlicher umschrieben werden können als es die konventionelle oder wissenschaftlich korrekte – und oftmals schwerer verständliche – Diktion erlaubt (vgl. Korte 1996, bes. 264f.). Solange aber die Metaphern in eine korrekte Ausdrucksweise zurückübersetzt werden können, ist ihr Gebrauch grundsätzlich nützlich und es spricht wenig dagegen, ihn fortzuführen. An den Stellen, an denen die Metapher nicht aus sich heraus deutlich wird, stelle ich uneigentlichen oder neugeprägten Wortgebrauch in einzelne Hochkommata wie im obigen Beispiel der ‚Fort‘-Entwicklung, das so gemeint ist, dass ich eben im gleichen Sinn wie der verstorbene Stephen Gould – ein weiterer, oft mit Dawkins streitender, Biotheoretiker – auch denke, dass man bei der Evolution nicht von einem echten Fortschritt im Sinne absichtsvoller Entwicklungen reden kann.

4 „Als Darwin seine Theorie der Evolution durch natürlich Auslese 1859 zum ersten Male veröffentlichte, war das, was viele Fachleute am meisten störte, weder die Vorstellung der Artveränderung noch die mögliche Abstammung vom Affen“ (Kuhn 1976, 183). Vielmehr wurde das Evolutionskonzept Mitte des achtzehnten Jahrhunderts schon geraume Zeit diskutiert. Bis dato nahm man in diesem Zusammenhang jedoch an, dass die Evolution von Gott in Richtung auf das Auftreten des Menschen hin eingerichtet worden war. Darwin zeigte nun jedoch, dass die Entwicklung auch ohne Ziel und Lenkung funktionieren konnte. „Für viele Menschen war die Verabschiedung dieser teleologischen Form der Evolution das Bedeutungsvollste und am wenigsten Angenehme an Darwins Anregungen“ (183).

5 Zu dieser reduktionistischen Sicht gibt es durchaus kritische Einwürfe, die bestreiten, dass die Erklärung von Leben sich vollkommen auf physikalisch-chemische Aspekte beschränken lässt (vgl. bspw. die Beiträge der entsprechenden thematischen Sammelbände von Bernd-Olaf Küppers 1987 und Ernst Peter Fischer 1990). Aus bspw. einer systemtheoretischen Sicht ist in der Tat begründeter Zweifel anzumelden, ob sich Organismen innerhalb einer nur metabolistischen Sicht erschöpfend einschätzen lassen oder ob nicht, wie etwa Klaus Mainzer sagt „ganzheitliche Phänomene“ wie „Population, Gesellschaftssysteme und ihre Umwelt“ hinzugenommen müssen (Mainzer 1990, 33). Doch ist dies nicht der Ort der Frage nach einer umfassenden Definition von Leben nachzugehen und es reicht für die vorliegenden Betrachtungen aus, sich bezüglich der Evolution auf den reduktionistischen Aspekt zu beschränken, der ja wenigstens auch eine zutreffende Beschreibung der Eigenschaft von Leben ist.

6 In einem der den Origin of Species in einigen Ausgaben vorgestellten Kapitel stellt Darwin unter dem Titel An Historical Sketch diejenigen Autoren vor, die sich vor ihm mit der Idee der Evolution und mit Evolutionstheorien beschäftigten und ihn damit wesentlich beeinflussten. Die Jahre 1794-95 nennt Darwin als den Zeitraum, in dem erste ernst zu nehmende Anstöße der Evolutionstheorie durch seinen Großvater Erasmus, durch Goethe und durch Isidore Geoffroy Saint-Hilaire eingebracht wurden (Darwin 1988, 54f.).

7 Vgl. auch Anm. 6: Es gab vor Darwin und Wallace Autoren, die die Idee einer evolutionären Entwicklung der Lebewesen vorbrachten. Diese brachten ihre Ideen jedoch ohne schlüssige Beweise, unvollständig oder – wie Jean Baptiste de Lamarck, der von einer Vererbbarkeit erworbener Merkmale ausging – unter Hinzufügung unzutreffender Erklärungen vor. Eine sehr schöne, knappe Einführung in die Evolution, den Evolutionsbegriff und die Erklärungsleistungen und Grenzen der Evolution sowie ihren wissenschaftstheoretischen Standort bietet der Philosoph Gerhard Vollmer in seinen Beiträgen Der Evolutionsbegriff als Mittel zur Synthese und Der wissenschaftstheoretische Status der Evolutionstheorie (Vollmer 1995b, 1995c), die in dem lesenswerten Sammelband Biophilosophie abgedruckt sind (1995).

8 Die Mutationsfrequenz liegt in der Größenordnung von „etwa 10 hoch minus 6 Mutationen pro Generation pro Gen“ (Hofbauer/ Sigmund 1984, 18).

9 Eine gerade für die Fragen der Bioethik wichtige Interpretation des Protagoras, die Fragen nach den biologischen Grundlagen von Moral und der evolutionären Ethik in den Mittelpunkt stellt, liefert Ernst Tugendhats lesenswerter Beitrag Gibt es eine moderne Moral? (Tugendhat 1996, bes. 326ff.).

10 Janich und Weingarten betonen zwar mit entsprechenden Quellenbelegen, die wohl zutreffende Annahme, dass Darwin ganz wesentlich von der Züchtung von Nutztieren beeinflusst worden ist (Janich/ Weingarten 1999, Kap. 6.4), dies bedeutet jedoch nicht, dass dem Zufall seine wichtige Rolle bestritten werden könnte. Darwin selbst bezeichnete den Begriff Auswahl (selection) in der sechsten Auflage der OS als im Zusammenhang mit der natürlichen Evolution eigentlich falsch gewählt (OS, 66).

11 So der deutsche Titel eines Buches von Stephen Gould, das dieses Thema detailliert ausführt. Janich und Weingarten betonen zu Recht: „Es handelt sich [wenn von ‚Fortschritt‘ in der Evolution die Rede ist] immer nur um eine relative Aussage bezüglich der Passung, nicht aber um einen absolut verstandenen Fortschritt zu immer ‚höheren‘, ‚besseren‘ oder ‚komplexeren‘ Organismen“ (1999, 244f.). Die Autoren fahren sodann mit der wichtigen Implikation für das menschliche Leben fort: „Dies festzuhalten ist schon allein deshalb wichtig, weil der Sozialdarwinismus (in allen seinen Spielarten) aus dem relativen Wert einer Passung eine absolute Wertigkeit machte. Erst durch diese evolutionstheoretisch nicht abgedeckte Veränderung in der Argumentation kann plausibel erscheinen, daß ein Wirbeltier ‚höher‘ sei als ein Wurm, der Mensch ‚höher entwickelt‘ als ein Tier und auch, daß weiße Menschen ‚höherwertiger‘ seien als nicht-weiße Menschen“ (245; meine Hvhbg.). Dieser Gedanke ist insbesondere für die im dritten Kapitel von Anspruchsvolle Schlüsse entwickelte, von der Gleichheit und moralischen Gleichwertigkeit von Menschen abhängende Ethik wichtig! So sehr der Mensch sich auch dadurch gekränkt fühlen mag, dass nichts an seinem spezifischen Sein sich auf einen höheren Plan zurückführen lässt. Aber die „Vorsehung“ ist nach heutigem Erkenntnisstand „ausgeschlossen“ (De Duve 1997, 38).

12 Der Begriff stammt von Daniel Dennett, der die „Gefahr“ des Evolutionsgedankens an der Plausibilität der Erklärung von Gestaltung ohne Gestalter festmacht: „Darwin‘s dangerous idea is that Design can emerge from mere Order via an algorithmic process that makes no use of pre-existing Mind“ (1996, 83).

13 Nach Kant (KWA IV, 554f.) lassen sich im Prinzip alle Gottesbeweise auf den ontologischen zurückführen. Streng ontologisch sind jedoch nur die Beweise, die „aus reinen Vernunftbegriffen“ (555) auf Gott zu schließen meinen. Ein Beispiel dafür ist etwa das berühmte Argument des Anselm v. Canterbury. Vgl. einführend dazu Weinreich 2001, hier auf dieser Seite.

14 Darwin entdeckte nicht das Faktum der Evolution, sondern brachte ihre wesentlichen Elemente in einer schlüssigen Erklärung unter. Die Evolution stand als Idee 1859 schon länger im Raum. Sie ist bspw. schon in der Zoonomia seines Großvaters Erasmus beschrieben. Lamarck stellte 1800 die „erste echte Theorie“ einer Evolution auf (Mayr 2000, 135), die allerdings auf Grund der in dieser Form falschen Annahme der Vererbung erworbener Eigenschaften und der Einbettung teleologischer Elemente (71) abgelehnt werden muss. Darwin konnte nun erstmals schlüssig erklären, welchen Gesetzmäßigkeiten die Evolution folgt. Auch diese Entdeckung ist ihm nicht gänzlich allein geschuldet, da Alfred Russell Wallace 1858 mit einer analog zu Darwin ausformulierten Theorie der Evolutionsmechanismen zu diesem Kontakt aufnahm: On the Tendencies of Varieties to depart indefinitely from the original Type. Darwin und Wallace traten dann gemeinsam als Entdecker der selektionsbedingten Evolution auf (vgl. Darwin 1993, 125f., zum Kontext der Publikation der OS vgl. 122-130). Darwins größerer Ruhm dürfte wohl auf der elaborierteren Theorie und des Umfangs seiner empirischen Belege beruhen sowie vielleicht auf den außerordentlichen literarischen Qualitäten – Eigenschaften die der Autor bei sich gar nicht sah: „Bei den eher bescheidenen Fähigkeiten, die ich besitze, ist es wahrhaft erstaunlich, daß ich die Überzeugungen von Wissenschaftlern in manchem wichtigen Punkt so stark beeinflußt haben soll“ (152).

15 Vgl. Dazu Hofbauer/ Sigmund 1984, Teil I, wo die entsprechenden Gleichungen aufgeführt sind.

16 William Paley: Natural Theology – or Evidence of the Existence and Attributes of the Deity Collected from the Appearances of Nature, zit. n. De Duve 1997, 363. Von Paley stammt das Bild Gottes als eines Uhrmachers, auf das sich Richard Dawkins mit dem Titel The Blind Watchmaker (Dawkins 1996a) bezieht. Es besteht eine gewisse Ironie der Geschichte darin, dass Darwin, dessen „gefährliche Idee“ die christliche Lehre wie keine andere erschüttern sollte, während seiner Ausbildung zum anglikanischen Geistlichen seinen Studienschwerpunkt ausgerechnet auf die Arbeiten Paleys und dessen physikotheologische Gottesbeweise legte (vgl. Darwin 1993, 63).

17 Allerdings gehen Walter Gehring und Kazuho Ikeo davon aus, dass Augen monophyletischen Ursprungs sind, da sie ein Gen identifizieren konnten, dass in Säugetieren ebenso wie in Fischen, Insekten und Wirbellosen für die Anlage von Augen verantwortlich ist (vgl. 1999, 375 dort Abb. 3). Das widerspricht aber auch nicht zwingend dem Gedanken einer polyphyletischen Entwicklung, da eine konvergente Genentwicklung aus mikrobiologischer Sicht keinesfalls unplausibel ist.

18 „Die meisten natürlichen Prozesse sind so komplex wie das Wetter – die Welt ist fundamental unvorhersagbar in dem Sinne, daß kleine Veränderungen der Ausgangsbedingungen zu unvorhersagbaren Ereignissen führen“ (Reiber 1998, 405). Zum Thema Komplexität und Chaos vgl. einführend James Gleicks Buch Chaos. Making a New Science (Gleick 1988) sowie einführend in den Zusammenhang von Chaostheorie und Biologie Robert Wessons Chaos, Zufall und Auslese in der Natur (vgl. Wesson 1995, bes. Kap. 8-10).
Der Terminus „nicht vorhersagbar“ ist bewusst gewählt, da die Worte ‚nicht deterministisch‘, die in diesem Zusammenhang oft gebraucht werden, nicht zutreffend sind. Der Physiker David Deutsch hebt zu Recht hervor: „Der Unterschied zwischen Unvorhersagbarkeit und Undurchführbarkeit ist wichtig“ (Deutsch 2002, 192). ‚Nicht deterministisch‘ wird zutreffender Weise im Zusammenhang mit der Quantenmechanik verwandt und bedeutet nur dort ‚nicht festgelegt‘. Dass in der Chaostheorie von Nichtdeterminismus gesprochen wird, heißt nicht, dass etwas, das auf Grund seiner Komplexität nicht vorausgesagt werden kann (der berühmte Schmetterling am Amazonas, dessen Flügelschlag in Europa ein Unwetter verursacht), nicht doch auch verursacht wäre und auf kleinem Level determiniert wäre (Mikrodeterminismus). Im genannten Beispiel verursacht der Flügelschlag wirklich das Unwetter. Die minimale örtliche Turbulenz führt zu einer vorhersehbaren Folgesituation, aus der sich unvorhersagbar der Sturm entwickelt. Wird der Schmetterling vorher von einem Vogel verspeist, so ändert sich nur ein entscheidender Parameter der Gleichung, in deren Folge der Sturm ausbleibt. Das ist aber kein Beweis für die prinzipielle Unmöglichkeit der Berechnung, auch wenn derartige Kalkulationen nur durch Gott aber nicht durch Menschen und ihre Hilfsmittel durchgeführt werden könnten (vgl. Mainzer 1995, 450). „Bei der Chaostheorie geht es um Beschränkungen der Vorhersagbarkeit in der klassischen Physik, die von der Tatsache herrühren, daß klassische Systeme inhärent instabil sind“ (Deutsch 2002, 189).
Das wiederum zeigt, dass der Optimismus des französischen Physikers Pierre-Simon Laplace, der in der Einleitung zur Théorie analytique des probalitités von 1812 behauptet hatte, dass sich jeglicher zukünftige Zustand der Welt auf Grund der Kenntnis ihres derzeitigen Zustandes im Prinzip voraussagen ließe, natürlich keine Verwirklichung findet: „Die Unkenntnis der verschiedenen Ursachen, die an der Entstehung von Ereignissen beteiligt sind, sowie ihre Kompliziertheit zusammen mit der Unvollkommenheit der Analysen verhindern, dass wir bei der riesigen Mehrzahl der Phänomene zu der gleichen Sicherheit gelangen“, so Gould über Laplace (2001, 39) und der Physiker Alistair Rae bekräftigt, dass spätestens die Quantenphysik den einfachen Determinismus in der von Laplace angenommenen Form widerlegt hat (Rae 1996, 13f.), was in den Worten des Physikers Joseph Ford heißt: „Chaos eliminates the Laplacian fantasy of deterministic predictability“ (Ford o.J., 12, zit. n. Gleick 1988, 6).

19 Dass es auch unter Naturwissenschaftlern Zweifel zwar kaum generell an der Faktizität der Evolution aber an einigen Aussagen und Schlüssen der Evolutionstheorie gibt, diskutiert bspw. Dennett in Darwins Dangerous Idea (1996), in den Kapiteln 10 und 15. Vgl. auch Goodwin 1982 u. 1994 sowie die modifizierende Einbeziehung von Annahmen aus der Chaostheorie bei Wesson 1995. Eine grundsätzlichere Kritik – am sog. Darwinismus, nicht explizit am Evolutionsgedanken – aus wissenschaftstheoretischen Gründen formuliert Popper, die jedoch nicht die Faktizität von Evolution bestreitet, sondern einen etwaigen Anspruch auf universelle Gültigkeit (1973, 294ff.). Die prinzipielle Unumstrittenheit des evolutionären Erklärungsansatzes hat Auswirkungen in Gesellschaft, Politik und Justiz, so hat sich z.B. der U.S. Supreme Court dem Urteil angeschlossen, dass die konkurrierenden Ansichten des Kreationismus keinen Wissenschaftsstatus beanspruchen können (Ruse 1995, 277, vgl. zu Aussagen, Geschichte und Durchsetzungsstrategien des Kreationismus als eine der Evolutionslehre regelrecht feindlich gesinnte Ideologie zudem Scott 1997; den Kreationismus charakterisiert Scott sehr schön als eine Lehre, die was sein soll als das erklärt, was ist, 505).

 

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